Monday, 1 April 2019

Kapitel 4 | Wie ein aufgeschlagenes Buch. | Polka Dots, Lackleder und Gondolieri Hut im Zauberwald.



Ich habe angefangen, ein Buch zu schreiben. Vor 11 Jahren schon. Es handelt von einer Familiengeschichte, die mehrere Generationen über mehrere Kontinente miteinander verbindet - erzählt in Gesprächen und Rückblenden einer jungen Frau, über einen Zeitraum mehrerer Dekaden. Kern der Geschichte ist die Geschichte der Odyssee ihres eigenen Lebens und Liebens - und ihrer rastlosen Suche nach Heimat in Reisen um die ganze Welt.

Heute möchte ich eine Leseprobe mit euch teilen.



Meine Hauptperson K. denkt an die Person, die vor Monaten ihre Welt umgedreht hat. Ihr größter Wunsch ist es zu wissen, ob das Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. Ihre Freundin C. besucht sie und nach ein paar Plaudereien über einem frisch aufgebrühten Chai erzählt K. von ihrer Entrücktheit und ihrem sehnlichsten Wunsch.


Wie ein aufgeschlagenes Buch.

Nie mehr wollte K. das schüchterne Mädchen sein. Und doch fühlte sie sich so. Wie damals, mit 15, als der schöne Pianist mit dem Haar von Ebenholz und dem markantem, zerfurchteten Gesicht ihr Herz gestohlen hatte. Er flüsterte sie in sein Zimmer, und nur wenige Tage später waren all ihre Träume von galanter Liebe und Romantik zu Staub zertreten. Auch das Vertrauen - in die anderen. In sich. Es brauchte Jahre, bis sie sich davon erholen konnte. Aber jetzt war es anders. Er war anders. Sie war anders. Es gab keinen Vergleichspunkt.
Auch hatte sie kaum etwas mit ihrem Alter Ego gemein. Sie war eine andere geworden - es hatte auch lange genug gedauert. K. war gewachsen und erwachsen und stolz und selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen. Und jetzt? Fühlte sie sich doch wieder wie ein Schulmädchen, das zum ersten Mal in dieses Chaos von Seele und Herz fiel - in diesen Zauberwald in dem sie drauf und dran war, sich zu verlaufen und sie konnte diesem Gefühl kaum Herr werden.
C. war da, und sie tranken ihren herrlich aromatischen Chai und plauderten aus dem Nähkästchen. Schon vor Wochen erzählte K. ihrer Freundin C. von ihm, dem Neuen. Wie alles angefangen hat. Aber heute beichete sie ihr, wie sehr sie seit Tagen mit sich selbst haderte und dass sie das doch eigentlich gar nicht wollte. Und wie verwirrt sie war. Wie schrecklich verwirrt. Und dass sie endlich wissen wollte, was denn nun Sache war - bei ihnen.

"Vielleicht bekommst du deine Tage", sagte C., nachdem sie an ihrem Chai genippt hatte.
"Wenn ich meine Tage habe, werde ich immer ganz furchtbar sentimental. Diese Woche vor allem. Ich brauchte fast permanente Bestätigung - ich glaube, es ging J. etwas auf die Nerven, wobei ... wobei er versucht hatte, Verständnis aufzubringen. Er nahm mich oft in den Arm und sagte mir, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche, und eigentlich mache ich mir auch keine. Wir dürfen auch mal schwach sein. Also Liebes, du darfst die Schuld ruhig deiner monatlichen Rosenfreundin in die Schuhe schieben."
"Meinst du?" Irgendwie konnte K. kaum glauben, dass es sich hier nur um dieses hormonell wiederkehrende Problem handeln sollte. "Dann meinst du, dass unser Monatszyklus uns nicht zu zickigen Furien macht, sondern zu kitschbedürftigen Zwitschertrullas?"
"So sieht es wohl aus.", entgegnete C.
"Na gut, eine Zicke war ich nie. Vielleicht bin ich wirklich zweiteres." K. fühlte sich mit einem mal sehr müde. "Vielleicht bilde ich mir das aber auch alles nur ein", sagte sie - ganz neben sich.
C. nahm einen weiteren Schluck Chai, dann blickte sie K. irritiert an. "Was meinst du?", fragte sie.
"Ach, ich weiß nicht. Diese ganze Verbindung und all diese ... irrsinnigen Verstrickungen und Verknüpfungen. Vielleicht ist das ja alles nur eine Einbildung. Vielleicht sollte ich mir nichts draus machen."


C. hatte ihre Tasse längst abgestellt. Sie lehnte an der Küchenzeile beim Waschbecken, mit überkreuzten Beinen, und verschränkten Armen. K. blickte zu Boden, verdrehte ihren Fuß und wusste nicht mehr wohin mit sich. Sie wusste, dass C. sie beobachtete.
"Weißt du was ich glaube", begann C., "ich glaube, du magst ihn mehr, als du dir eingestehen magst. Du magst ihn so sehr, dass es dir Angst macht."
K. erwiderte nichts.
"Nach all dem, was du mir gesagt hast, soll ich glauben, dass du nichts für ihn fühlst? Mädchen, dir steht in roten Lettern ins Gesicht geschrieben, dass du auf ganzer Linie verschossen bist!"
"Nicht verschossen", flüsterte sie, "es ist mehr als das."
C. sah sie an. "Ich weiß", erwiderte sie sanft.

"Ich gehe allmählich auf meinem Zahnfleisch.", sagte K. "Ich will ja nicht daran denken, aber wie kann ich denn nicht daran denken, wenn er sich immer und immer wieder in mein Gedächtnis ruft? Er schreibt sich ja förmlich in jeden meiner Gedanken. Er scheint überall, und er ist überall, in mir, um mich herum, über mir unter mir und ich will einfach nur wissen, was ich für ihn bin. Ob wir zusammen sind. Ob ich zu ihm gehöre."
"Dann frag ihn.", sagte C. bestimmt. "Ich kenne dieses Gefühl auch. Du weißt, was ich meine. Natürlich war das bei mir vor ein paar Jahren eine ganz andere Sache. Er war ein Arsch und nicht fähig, eine Bindung einzugehen, und ich wollte einfach nur zu jemandem gehören. Du weißt warum. Aber bei dir ist das ja eine ganz andere Situation. Ihr seid beide erwachsen. Ihr steht beide mit beidem Beinen im Leben und seid euch so ähnlich. Er weiß, was er will ... Und du weißt, was du willst und du bist stark genug, das zu sagen."
K. warf C. einen spöttischen Blick zu. "Ich bitte dich", fing sie an.
"Na! Du bist es doch jetzt", warf sich C. ihr ins Wort. "Du willst ihn, und nur ihn, also sag es! Ich weiß, seine Antwort wird dich nicht enttäuschen."
"Aber ... ich traue mich nicht", wisperte K., fast unmerklich.
Sie standen lange schweigend da.
Als K. erneut an ihrem Chai nippte, war dieser von lau mehr als weit entfernt.
C. sah sie lange an. "Warum schreibst du nicht einen Brief", schlug C. vor. "Formuliere all diese Verworrenheiten und das Umgedreht sein und ... all das, was du jetzt nicht sagen kannst, in schriftlicher Form aus, und wenn ihr euch das nächste Mal seht, dann bist du vielleicht freier und hast mehr Mut gefasst."
K. dachte nach. "Vielleicht hast du recht", sagte sie schließlich.


Sequenz.


Ich habe so eine Sehnsucht danach, dir mein ganzes Leben erzählen zu wollen.
Ich will es ausbreiten vor dir, wie ein aufgeschlagenes Buch, sodass du darin lesen kannst. Alles das, was du willst.

Ich möchte verstehbar sein und … dass du mich verstehen kannst.
Ich möchte begreifbar sein wie eine mathematische Formel, die du lösen kannst, auch wenn ich mich selbst nicht lösen kann. Nicht ganz.

Ich bin so voller Wörter, die ich nicht ganz greifen kann.
Voller Formeln, die ich nicht lösen kann.

Ich habe so eine Sehnsucht danach, dass du mich lösen kannst. Dass du in mir liest, wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Alles das, was du willst.

[...]

Ich habe so eine Sehnsucht danach, dass du mir dein ganzes Leben erzählst.
Ich will dass du es ausbreitest vor mir, wie ein aufgeschlagenes Buch, sodass ich darin lesen kann. Alles das, was ich will.
Ich möchte dich verstehbar machen und … dass ich dich verstehen kann.
Ich möchte dich begreifbar machen wie eine mathematische Formel, die ich lösen kann, auch wenn du dich nicht selbst lösen kannst. Nicht ganz.

[...]

Ich habe so eine Sehnsucht danach, dass wir lösbar sind. Dass wir ineinander lesen, wie in einem aufgeschlagenen Buch ...


Wie hat euch meine Leseprobe gefallen? Wollt ihr mehr lesen bzw. mehr von meinem Buchprojekt bzw. den weiteren Projekten erfahren?










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4 comments:

  1. Ich fand das wundervoll zu lesen und wäre sehr gespannt auf mehr!
    Liebe Grüße, Mona

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  2. Hey, ein spannender Text! Erzähl gerne mehr über dein Projekt.
    Liebe Grüße,
    Marie

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  3. Oh wow das sieht echt so entspannt und schön aus! :)
    Ein klasse Post!

    Liebst, Sarah von Belle Mélange

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